Digitalisierung vs. Bildungsgerechtigkeit?

Immer noch beschäftigt uns die Corona-Pandemie. Die Geschäfte sind zu. Schüler*innen sind zu Hause. Eltern im Homeoffice. Im ersten Lockdown am Anfang dieses Jahres wurden die Probleme, die ein solcher Lockdown mit sich bringt unter dem oft genannten Brennglas sehr gut sichtbar. Eine Erkenntnis aus dem Frühjahr: Es fehlen Endgeräte, ein Teil der Schüler*innen wird im Distanzunterricht abgehängt und die Server der Lernplattform iServ waren hoffnungslos überlastet. Jetzt, über ein halbes Jahr später, stecken wir im zweiten Lockdown. Doch was haben wir gelernt und was läuft besser als im ersten Lockdown?

Digitalisierung immernoch ein Problem!

Auch zu Beginn des zweiten Lockdowns sitzen noch viele Schüler*innen ohne ein Endgerät zu Hause. Die Schulen stecken in der Not und fassen Beschlüsse, die die Eltern zur Anschaffung von iPads auffordern. Ein solches iPad kostet mit Tastatur, zwischen 400 und über 600 Euro. Wer das nicht leisten kann, der hat erstmal ein Problem. Wie kann das sein? Haben wir denn gar nix aus der ersten Welle gelernt? Der Stadt als Schulträgerin vorzuwerfen, sie sei zwischen März und November untätig gewesen wäre unfair, denn in der letzten Ratssitzung wurden etwa 4500 neue iPads für Lehrer*innen beschafft. Das ist gut und richtig und doch muss man der Stadt insgesamt schwere Versäumnisse vorwerfen. Insbesondere mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit läuft einiges schief.

Fehler wurden schon vorher gemacht

Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass die Stadt es schafft innerhalb eines halben Jahres als münsterschen Schulen zu digitalisieren. Das wäre unfair und dennoch hat haben Stadtverwaltung und die schwarz-grüne Rathauskoalition in den letzten Jahren Einiges verpennt. Das Thema stand nicht weit genug oben auf der Prioritätenliste. Mehrere Jahre war ich selbst Mitglied im Beirat Medienentwicklungsplan und im Schulausschuss der Stadt. Es war immer so: zwei Schritte vor und einen wieder zurück. Die Stadtverwaltung hat immer wieder gebremst: kein Geld, zu teuer, “wir können uns auch nicht um Alles kümmern” – das war die Einstellung vieler Verantwortlicher bei der Stadt und das obwohl sich Pädagogen, Medienberater*innen und Schüler*innenvertreter*innen einig waren, dass es nicht schnell genug geht mit der Digitalisierung an Münsters Schulen.

Corona-Krise > Bildungsgerechtigkeit?

Aus dieser Verzweiflung heraus suchen einige Schulen nun nach anderen Lösungen für das Digitalisierungsproblem. Wie das geht? In den Schulkonferenzen werden Beschlüsse gefasst, die den Eltern empfehlen ein iPad zu kaufen. Doch es soll nicht irgendein iPad sein, sondern ein spezielles iPad. Man soll es in einem Lizenzshop kaufen, damit die citeq als städtisches IT-Unternehmen die iPads administrieren kann und dafür sorgen kann, dass in der Schule auch nur schulische Apps auf dem iPad laufen. So ein iPad kostet 400 bis 600 Euro. Das ist eine Summe, die sicher nicht alle Familien problemlos auf den Tisch legen können. Das gilt umso mehr, da viele Familien derzeit finanzielle Einbußen durch die Corona-Pandemie haben. Und was, wenn man gleich zwei schulpflichtige Kinder hat? Dann kostet das mal eben 800-1200 Euro. Dass man das nicht als gerecht bezeichnen kann liegt auf der Hand.

Eltern sind für iPad-Kauf nicht zuständig

Diese Ungerechtigkeit hat auch die Stadtelternschaft erkannt und eine Anfrage an das Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW geschickt. Die Antwort ließ ein bisschen auf sich warten, aber als sie dann da war stellte das Ministerium klar: Es ist nicht die Aufgabe der Eltern diese Geräte anzuschaffen und dennoch haben weitere Schulen entsprechende Beschlüsse gefasst. 

Staat muss seiner Verantwortung gerecht werden

Wenn Politik und Experten sich einig sind, dass der Schulunterricht digitalisiert werden muss, dann müssen auch die entsprechenden Mittel bereitgestellt werden, um diese Anschaffungen machen zu können. Es geht um Chancengerechtigkeit und Bildungschancen von tausenden Kindern in Deutschland, deren Eltern sich die Anschaffung eines iPads für mehrere tausend Euro nicht leisten können. Während Deutschland etwa 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung investiert, geben Länder wie Schweden, Finnland, Island oder Norwegen um die 7 Prozent ihres BIP für Bildung aus. Und jetzt schauen Sie sich mal an, wie es dort um die Digitalisierung der Schulen steht.